
​Neti Neti – eine Haltung der Unterscheidung
Neti Neti ist ein Begriff aus dem Sanskrit.
Er bedeutet: „nicht dies, nicht das“.
Er beschreibt nichts im herkömmlichen Sinn –
sondern verweist auf etwas, das sich jeder endgültigen Beschreibung entzieht.
Alles, was ist, widersetzt sich einer objektiven Einordnung.
Denn nichts hat nur eine einzige Bedeutung.
Bedeutung entsteht im Betrachten.
Sie ist Interpretation, Perspektive, Resonanz.
Nicht dies. Nicht das.
Neti Neti ist eine Befreiung vom Festgelegt-Sein.
Es entlässt uns in die Freiheit des Nicht-Wissens.
Statt zu definieren, wer wir sind,
beginnen wir damit, auszuschließen, was wir nicht sind.
So wird eine Instanz gestärkt, die immer schon da ist:
der Beobachter –
gegenwärtig, still, wach.
Die Erfahrung der Unterscheidung
Wir spüren unseren Körper.
Aber wir sind nicht der Körper.
Er ist Teil unserer Erfahrung.
Neti Neti.
Emotionen tauchen auf.
Auch sie gehören zu uns –
doch sie sind nicht unser Wesen.
Neti Neti.
Gedanken erscheinen.
Und wir erkennen:
Ich bin nicht dieser Gedanke
und nicht jener.
Neti Neti.
Diese Unterscheidung ist kein Abspalten.
Sie ist ein Akt von Klarheit.
Die Stille dahinter
Aus dieser inneren Bestandsaufnahme
entsteht etwas Unerwartetes:
Stille.
Keine Leere,
sondern eine lebendige Ruhe.
Eine Aufmerksamkeit,
die sich dem eigenen Sein in all seinen Farben zuwendet –
mit Milde,
mit Humor,
mit Liebe.
Iti Iti
Iti Iti bedeutet: So ist es.
Nicht als Behauptung,
sondern als stilles Einverständnis.
In der indischen Tradition wird dieses Erkennen beschrieben als:
Sat – Sein
Chid – Bewusstsein
Ananda – Glückseligkeit
Nicht als Zustand, den es zu erreichen gilt,
sondern als Qualität, die sichtbar wird,
wenn Identifikation weich wird.
Das große Vielleicht
Neti Neti ist das große Vielleicht.
Das grenzenlose Nicht-Wissen.
Der Mut, ein Tropfen im Ozean zu sein –
und damit zum Ozean zu werden.
Iti Iti.
Unendliches, lebendiges Bewusstsein.
Neti Neti ist keine Lehre, sondern eine Einladung zur Unterscheidung –
und zu einer Stille, die trägt.